Barbara Mosca

Aufgewachsen bin ich in den Bergen, in Mürren im Berner Oberland, wo meine Eltern eine alpine Klinik führten. Das Privileg, wunderschöne Natur immer um sich herum zu haben, war mir früh bewusst. So war es für mich das Selbstverständlichste, viel Zeit draussen zu verbringen. Bis heute kommt es mir manchmal vor, als könnte ich erst draussen richtig atmen. Unser Zuhause war stets offen für alle, durch die Klinik hatten wir viel internationalen Besuch, aber auch engen Kontakt zu den Mitarbeitenden und der lokalen Bevölkerung. Meine Eltern waren sehr sozial und lebten nach dem Grundsatz, dass alle Menschen gleich sind. Später realisierte ich, dass nicht alle die gleichen Chancen haben und eben nicht alles für alle offensteht. Dass gerade auch der Kulturbereich, in dem ich viele Jahre leidenschaftlich arbeitete, eher ein elitärer Zirkel ist, bei dem nicht jeder automatisch dazugehört, hat mich immer gestört. Bevor ich pensioniert wurde, leitete ich die Sommerakademie im Zentrum Paul Klee. Die Sommerakademie war ein fantastisches Projekt, exklusiv und akademisch. Jährlich wurden zwölf Kunstschaffende für zwei Wochen nach Bern eingeladen und konnten hier künstlerisch experimentieren, sich austauschen und vernetzen. Natürlich war das eine gute Sache, aber ich wunderte mich immer: Was ist mit den anderen? Mit denen, die dieses Privileg nicht haben? Die vielleicht schon länger in Bern leben, aber kaum vernetzt sind? So kam ich – gemeinsam mit meiner damaligen Arbeitskollegin Katrin Sperry – auf die Idee, nach meiner Pensionierung das Projekt ‹Wandern für alle› ins Leben zu rufen. Damit konnte ich meine Leidenschaften, in der Natur aktiv und sozial engagiert zu sein, miteinander verbinden. Mittlerweile sind wir eine bunt gemischte, internationale Gruppe, die ehrenamtlich Ausflüge organisiert, die Website pflegt und sich um Administration und Kommunikation kümmert.
 

Wenn man gemeinsam draussen unterwegs ist, fallen Vorurteile und Hemmungen, die man fremden Menschen gegenüber manchmal hat, schneller weg. Das erlebe ich immer wieder. Unsere monatlich stattfindenden Ausflüge dauern einen halben, manchmal einen ganzen Tag. Wir gehen ins Dählhölzli oder wandern auf den Ulmizberg, steigen auf den Chutzenturm oder umrunden den Moossee. Ich möchte damit auch allen zeigen, in welch schöner Umgebung wir leben. Wir haben die Natur und schönste Ausflugsziele direkt vor der Tür! Die Wanderungen sind dank Gönnern und der Unterstützung von Partnerorganisationen für die Teilnehmenden kostenlos und die Anforderungen sehr gering. Man muss weder wandererfahren noch sportlich sein. So kommt eine extrem breite Palette von Menschen zusammen. Das Projekt richtet sich speziell an Migrantinnen und Migranten und ist offen für alle im Sinn inklusiven Denkens und Diversität. Zur Verbesserung der Deutschkenntnisse sprechen wir während der Wanderungen ausschliesslich Hochdeutsch. Es bietet aber genauso Schweizerinnen und Schweizern die Gelegenheit, über den Tellerrand zu blicken und Leute und Kulturen kennenzulernen, denen sie im Alltag vielleicht nicht begegnen würden. Man ist gemeinsam unterwegs, picknickt und plaudert.

Ganz natürlich wird ‹Wandern für alle› so zu einer Art Drehscheibe: Jemand sucht vielleicht gerade eine Wohnung, hat Fragen zur Kindererziehung oder zur Prüfungsvorbereitung oder sucht eine Begleitperson für Kinobesuche. So haben sich spontan schon viele dauerhafte Freundschaften und Tandems ergeben, zum Beispiel zum Deutsch lernen. Andere wiederum kommen mit ganz existenziellen Fragen, zum Beispiel zum Arbeitseinstieg oder Familiennachzug. Es gibt im Integrationsbereich sehr viele Beratungsmöglichkeiten und Kurse, aber oft wissen die Teilnehmenden gar nichts von dem Angebot. Wir helfen ihnen, die richtigen Anlaufstellen zu finden.»
 
Mein Mann kam vor über dreissig Jahren selbst als Geflüchteter in die Schweiz. Durch ihn habe ich hautnah miterlebt, was es bedeutet, in einem fremden Land komplett neu anzufangen. Auch bei meiner langjährigen Vorstandsarbeit für die isa Bern, eine unabhängige Fachstelle für Migration, begegnete ich immer wieder denselben Herausforderungen: Viele Menschen kommen in die Schweiz, finden eine Unterkunft, besuchen einen Deutschkurs, sind aber vom Leben ausgeschlossen, weil sie den Zugang zur lokalen Bevölkerung nicht finden. Es gibt sehr viele Missverständnisse und Vorurteile – auf beiden Seiten. Wenn man sich aber in lockerer Atmosphäre auf Augenhöhe begegnet, sieht man plötzlich Gemeinsamkeiten und nicht mehr nur Unterschiede. So gibt es auch viele Schweizerinnen und Schweizer, die ein niederschwelliges Angebot wie unseres gerne annehmen.
Oft sind Menschen auf sich selbst zurückgeworfen, fühlen sich einsam, ausgeschlossen und nicht vernetzt. Unsere offene Wandergruppe verbindet, neue Kontakte und Freundschaften können unkompliziert geknüpft werden. Auch für mich selbst ist ‹Wandern für alle› bereichernd. Ich lerne immer wieder neue Leute kennen und höre viele berührende Lebensgeschichten. Auch traurige, zum Beispiel, wenn Menschen das Land wieder verlassen müssen. Das geht unter die Haut und ist schwer auszuhalten. Es ist aber schön, sie zumindest ein wenig zu begleiten und ihnen unbeschwerte Momente zu schenken, solange sie hier sind. Und jenen, die bleiben dürfen, das Ankommen zu erleichtern.
Ich erinnere mich an eine junge Frau aus Sri Lanka, die beim ersten Mal sehr schüchtern war und kaum wagte, etwas zu sagen. Sie taute aber von Mal zu Mal auf und beim fünften Ausflug las sie der Gruppe einen Brief vor, in dem sie beschrieb, wie sehr ihr die Wanderungen geholfen haben, Anschluss zu finden. Viele fühlen sich bei uns endlich zugehörig. Um möglichst vielen Menschen dieses Gefühl zu geben. Dafür mache ich das.
 
Das Porträt wurde von Tout Berne, einem Onlineprojekt zweier Berner Journalistinnen, veröffentlicht. Vielen Dank!